Vom Trauma zur Demenz

Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und heißt auf deutsch „Wunde“, „Verletzung“.  Das Trauma trennt voneinander. Es trennt Gewebe voneinander, Bewusstsein von Gefühlen, Erinnerungsstücke vom Gedächtnis. Es unterbricht den Lauf des Alltags und die bisherige Lebensgeschichte.

Während es selbstverständlich ist  körperliche Verletzungen, wie  Knochenbrüche oder  blutende  Wunden, schnellstmöglich medizinisch zu versorgen, finden seelische Verletzungen selten die nötige Beachtung.  Bei schweren Unglücksfällen und Gewaltverbrechen werden zwar  Seelsorger beziehungsweise  Psychologen gerufen, die sich in der akuten Schockphase um Betroffene  und Angehörige kümmern. Darüber hinaus müssen diese meist selbst sehen, wie sie die schrecklichen Bilder aus dem Kopf bekommen oder mit dem Verlust eines geliebten Menschen fertig werden.
Woran man ein Psychotrauma erkennt und was zu beachten ist,  erfahren Sie u.a.  beim DIPT e.V. (Deutsches Institut für Psychotramatologie).

Wenn alte Wunden wieder aufbrechen.

Wie an anderer Stelle bereits angeführt, handelt es sich bei den heute Alten mit der Diagnose Alzheimer, um die Generation die den zweiten Weltkrieg und die Greueltaten des Naziregiems überlebt hat. Fast jeder der vor 1945 Geborenen war traumatischen Situationen ausgesetzt, denn auch in den Nachkriegsjahren herrschten zunächst chaotische Verhältnisse.   Fast jeder dürfte irgendwo auf seiner Seele eine Narbe haben, die sich in bestimmten Situationen bemerkbar macht.   Unter ähnlich bedrohlichen  Umständen können alte Wunden sogar wieder aufbrechen.   Auslöser dieser sogenannten Trauma-Reaktivierung können  Gefahrensituationen sein, die an das früher erlebte und zumeist verdrängte erinnern.  Handelt es sich dabei um eine neue Gewalterfahrung, die nicht nur die Erinnerung an das schlimme Erlebnis von früher weckt, sondern eine konkrete neue Gefahr darstellt, spricht man von Re-Traumatisierung.

Beispiel:
Eine 78 jährige Frau  die als Kind während eines Bombenangriffs aus den Trümmern ihres Hauses gerettet wurde, während die Mutter verschüttet blieb, hat die direkte Erinnerung daran verdrängt. Sie weiß davon, weil andere es ihr erzählt haben.  Sie ahnt sogar, dass ihre  „übertriebene Fürsorge“ gegenüber den eigenen Kindern daher kommen könne, dass sie ständig in der latenten Angst steht, es könne wieder ein Mensch aus ihrem Leben gerissen werden.  Einmal, als die jüngste, längst erwachsene Tochter, nicht wie üblich nach Hause kam, sondern ohne bescheid zu sagen bei Bekannten übernachtete, sei sie fast durchgedreht vor Sorge, habe kein Auge zugetan und sei am Morgen völlig durch den Wind gewesen, erklärte ihr Mann.  Überhaupt sei sie leicht in Panik geraten, manchmal habe es Stunden gedauert, bis sie durch gutes  Zureden wieder zur Ruhe kam. Wenn es ganz schlimm wurde, habe man  ihr auch schon Valium oder ähnliches gegeben. Auch depressive Phasen machten ihr und der Familie zu schaffen.  Vorausgegangen waren in der Regel Auseinandersetzungen in der Familie.  Schließlich fühlten sich die Kinder, vor allem die jüngste Tochter  regelrecht unter Druck gesetzt durch die Mutter, die jeden Schritt am liebsten überwacht hätte.  Der Sohn habe ihr irgendwann gesagt: Mutter du drückst mir die Luft ab mit deiner übertriebenen Sorge.  Ich ziehe jetzt aus und möchte auch nicht, dass du jeden Tag anrufst um zu fragen, wie es mir geht.  Daraufhin sei sie tagelang nicht ansprechbar gewesen. Sie habe kein Wort gesprochen, niemanden sehen wollen.  Aus Rücksicht auf die Mutter, zog die  jüngste Tochter erst mit Anfang 40 aus dem Elternhaus aus.   Danach habe sich die Verlustangst mehr auf den Ehemann verlagert. Derart, dass sie den Kontakt zu den Kindern gar nicht mehr suchte.  So als interessiere  es sie nicht, wie es ihnen geht.

In den Teufelskreis Demenz geriet diese Frau, in der Nacht, bevor ihr Mann an der Hüfte (Endoprothese, künstliches Hüftgelenk) operiert wurde.  Der Termin habe schon länger festgestanden.  Seine Frau habe ihn am Nachmittag vor der Op auch noch im Krankenhaus besucht und einen recht gefassten Eindruck gemacht.   Nachts alleine im Haus, wacht sie mitten in der Nacht auf und weiß nicht mehr wo sie ist.   Im Nachthemd geistert sie zuerst im Haus später auf der Straße herum, wo sie schließlich aufgegriffen wird. Die freundlichen Polizisten versuchen vergeblich ihren Namen und Adresse herauszufinden. Sie verstanden nicht, was sie sagte und dachten sofort an Demenz.  Also brachten sie die Frau ins Krankenhaus.  Dort wollte sie jedoch nicht bleiben. Die Umgebung war ihr fremd.  Sie lief im Flur herum, probierte an verschiedenen Türen, bis sie schließlich ins Treppenhaus gelangte.  Als das Personal ihr verschwinden merkte, war sie schon längst wieder auf der Straße.  Passanten brachten sie dieses Mal ins Krankenhaus.  Da sie weglaufgefährdet war und damit sie nicht in ihrer Orientierungslosigkeit unter die Räder kommt, wurde sie auf die „Geschlossene“ verbracht.  Für Ärzte und Pflegepersonal war der Fall klar: Diese Frau hat eine fortgeschrittene Demenz. Schließlich zeigt sie alle typischen Merkmale.  Körperlich scheint ihr nichts zu fehlen, also muss es Alzheimer sein.  Um ihre emotionale Aufgewühltheit herunter zu fahren, erhält sie Medikamente.   Es dauert fast zwei Tage, bis ihre Tochter sie in dem Krankenhaus findet.  Als die Frau ihre Tochter  sieht, erkennt sie sie sofort, spricht sie mit Namen an und erklärt, dass sie nicht wisse, wie sie dahin gekommen sei und warum man sie nicht nach Hause lässt.  Sie wusste sogar wieder, wo sie zu Hause war. Straße, Hausnummer, ihr Geburtsdatum, alles konnte sie richtig angeben.  Die Panik-Attacke war vorbei.  Aber nach Haus gehen, das ging nicht.  Die Stationsleiterin erklärte, es sei ein Betreuer vom Amtsgericht eingesetzt und ohne dessen Zustimmung könne sie nicht entlassen werden.  Außerdem müssen noch Untersuchungen gemacht und die weitere Medikation noch abgeklärt werden.  „Aber Sie sehen doch selbst, dass meine Mutter klar im Kopf ist. Ich kann ja während der Vater im Krankenhaus liegt zu ihr ins Haus ziehen und auf sie aufpassen.“, verspricht sie.  Alles Bitten und Flehen nutzte nichts.  Der Betreuer sah sich verpflichtet den Anweisungen des Arztes Folge zu leisten und die Untersuchungsergebnisse abzuwarten.  Während die Tochter dafür noch ein gewisses Verständnis aufbringen konnte und versuchte, der Mutter die Vorzüge weiterer Untersuchungen zu vermitteln, lieferte diese mit ihrer Reaktion eine  weitere Bestätigung der Diagnose Alzheimer.  Sie wiedersetzte sich der Anweisung, lief  zur Tür und verlangte das man sie sofort rauslässt. Sie müsse nach ihrem Mann sehen und sei nicht verrückt.  So etwas habe sie ja noch nie erlebt.  Sie würde sich nicht einsperren lassen.  Als das Personal sie festhalten und von der Tür wegführen will, wiedersetzt sie sich und gerät völlig außer sich.  Daraufhin lernte sie die üblichen Methoden der Psychiatrie kennen: Ruhigstellung und Fixierung.    Das hat ihr dann den Rest gegeben. Aus dem darauf folgenden Teufelskreis kam sie nicht mehr raus.  Als ihr Mann sie am dritten Tag nach seiner Operation besuchte, hat sie ihn nicht erkannt. Sie sei kaum ansprechbar gewesen und habe unverständliches gemurmelt.

Bei einer unbekannt großen Zahl von Menschen mit der Diagnose Alzheimer  dürfte die  Vorgeschichte ein schweres Psychotrauma aufweisen, welches nicht behandelt wurde und nicht ausheilen konnte.  Oft war das Erlebte so existenziell bedrohlich, das die Erinnerung daran weg ist.  Die auf Selbsterhalt ausgerichtete Psyche hat das Erlebte ausgeblendet, in der Fachsprache Amnesie genannt.  Auf das Thema Gewalt und Traumatisierung alter Frauen, haben sich Martina Böhmer und Paula e.V.

Beispiele, sowie weiterführende, fundierte Informationen,  finden auf  DasGehirn.info: Wenn das Kriegstrauma zurückkommt

Auslöser:

Verlusterlebnisse durch plötzliche, schreckliche Ereignisse (Tod eines geliebten Menschen, Einbruch, Wohnungsbrand etc) Die eigene kleine Welt, in der man sich sicher fühlte, bricht zusammen. Gefühl tiefer Machtlosigkeit – Ausgeliefertsein

Erfahrungen die alte Wunden aufbrechen lassen. (Beispiele: unsensibles Katheterisieren, eingesperrt, festgehalten zu werden)

Ausweg:

Bei allen akuten Verwirrtheitszuständen die von Angst und Panik gekennzeichnet sind, sollte als erstes an eine Trauma-Reaktivierung oder Re-Traumatisierung als Auslöser gedacht werden.

Hilfreiches Verhalten der Ersthelfer (Angehörige/Passanten/Polizisten/Fachleute)

Sicherheit vermitteln!
Beruhigend einwirken! Schutz bieten! Halt geben!  Die Angst ernst nehmen!
Beipielhalftes Verhalten im o.g. Falle:  Anstatt die Frau sogleich mit Verdacht auf Alzheimer in die Klinik abzuliefern, hätte sich eine empathische Polizistin/Polizist mit ihr an einen ruhigen Ort setzen und ihr das Gefühl vermitteln sollen, dass man ihr hilft, wie z.B. „Setzen Sie sich doch kurz hierher. Ich koche uns einen Tee (oder hole uns ein Wasser) und dann erzählen Sie ganz in Ruhe, was passiert ist. ….. Ich nehme an, Sie sind in der Nacht wach geworden, vielleicht weil Sie etwas geträumt haben.  An was können Sie sich erinnern? ….. Lassen Sie sich Zeit. ……“ Wichtig:  Jede Form der Bedrängung im Gespräch meiden.  Geduldig hinhören und abwarten, dann dürfte nach wenigen Minuten die Blockade verschwinden und die Erinnerung zurückkommen.

Beratung und Hilfe bietet der Verein Paula e.V.

Kliniken und Krankenhäuser müssten speziell geschulte Pflegekräfte gerade auch im Nachtdienst einsetzen, die in der Lage sind die nötige Sicherheit und Zeit aufzubringen. In dem Wissen, dass die ersten Stunden oft entscheidend sind. Je länger die durch Stress/Panik ausgelöste Blockade der Synapsen im Gehirn bestehen bleibt, desto größer die Gefahr, dass  die Erinnerung lückenhaft bleibt oder gar nicht mehr zurückkommt.  Wenn ein Blutgefäß verstopft ist, etwa beim Hirnschlag (Apoplex / Schlaganfall) und es den Ärzten gelingt, den Blutpfropf aufzulösen, bevor das Hirnarial bleibenden Schaden genommen hat, kann der Patient meist geheilt entlassen werden.  Ähnlich kann man sich die Wirkung von psychischer Blockaden vorstellen. Auch diese können bleibende Schäden an der Hirnmaterie, speziell den Synapsen, hinterlassen.  Bildgebende Verfahren zeigen, das Stress bestimmte Synapsen zum Glühen bringt. Bis zu einem gewissen Grad wird erhöhte Aktivität positiv erlebt.  Wir sprechen von Menschen, die zur Hochform auflaufen, wenn sie untere Strom stehen.  Andere stehen ständig unter Strom und man fragt sich, wie lange sie das durchhalten.  Bei Menschen die ein seelisches Trauma erleben, kommt es zu einer Art Kurzschlussreaktion, einer so starken Überspannung der Emotionen, dass im Extremfalle die Sicherung rausfliegt und es zu regelrechen Verschmorungen (Verklebungen/-kumpungen) im betroffenen neuronalen Netzwerk kommt.  In der Akutphase, wenn der Betroffene  nicht mit Worten und menschlicher Begleitung alleine zu beruhigen ist, können bestimmte Medikamene (Neuroleptika) wichtig sein.  Nachdem sich der Betroffene jedoch wieder gefangen hat, sollten nicht medikamentöse Hilfestellungen im Vordergrund stehen.

 

 

 

2 Kommentare

  1. Ich, als Altenpflegerin in einer gerontopsychiatrischen Einrichtung bin entsetzt und kann mir nach der Lektüre dieses Artikels trotzdem gut vorstellen, dass es möglich ist, dass einige Menschen ganz ohne wirklichen Grund in ebensolche Einrichtungen „gesteckt“ werden.
    Auch, dass die Medikamente alles noch schlimmer machen und die Pharmaindustrie sich eine goldene Nase damit verdient, scheint mir leider durchaus plausibel.

    • Meinen Schwiegereltern geht es genauso. Beide gleichzeitig als „dement“ seit Juli 16 ins Heim gestopft. Berufsbetreuerin hat Beide zum Ende des Jahres ein zweites Mal „enteignet“ (1. Mal Vertreibung 1945). Papa seit 22. 12. 16 in Psychoklinik = Auskunftssperre“ durch Betreuerin! Seit Oktober 16 ist „Betreuer-Wechsel“ beantragt. Bis heute, 08. 01. 17 = keine ernsthafte Reaktion, nur ein „Gespräch“ von 20 min im Pflegeheim, wo weder wir noch die Eltern zu Wort geschweige denn für „voll genommen“ wurden, ES IST EIN SKANDAL! WILLKÜR MIT GENEHMIGUNG DES GERICHTS? VON DER KLINIK-EINWEISUNG WUSSTE ANGEBLICH NIEMAND ETWAS, OBWOHL „FREIHEITSENTZIEHENDE MASSNAHMEN“ SOFORT DEM BETREUUNGSGERICHT MITZUTEILEN SIND!? WAS LÄUFT HIER EIGENTLICH? WINDELN WECHSELN DÜRFEN WIR AUCH NICHT BEIM PAPA, WEIL DIE „BUDGETIERT“ SIND! ALS MEINE ELTERN MIR MEINE WINDELN GEWECHSELT HABEN, MUSSTEN SIE AUCH KEINEM BESCHEID SAGEN UND ICH DIE SCHMUTZIGEN WEITER TRAGEN(3-LITER-WINDELN MIT 6 TROPFEN DRAUF!). HEUTE WERDEN DIE ELTERN DEN KINDERN WEG GENOMMEN, ALLE VERDIENEN DRAN, PHARMA/PFLEGERESIDENZ(DAS ICH NICHT LACHE). BEIDE VOLLGEPUMPT MIT MEDIKAMENTEN, TOTAL ABGENOMMEN, VERWIRRT, PAPA OHNE ZÄHNE, OHNE HÖRGERÄT, LESEBRILLE ERST SEIT NOVEMBER USW. GRAUSAM!!!

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