Meine erste Begegnung mit einer verwirrten alten Frau

Als dreizehn-vierzehnjährige (1966/67)verbrachte ich meine Ferienzeit als „Stationshilfe“ bei meiner Tante, die Stationsschwester (Ordensschwester) auf einer großen chirurgischen Station war.  Folgendes spielte sich hier ab:

Eine scheinbar verwirrte, alte Frau lag in ihrem Bett und schrie unentwegt, wobei sie gleichzeitig an ihrem Bettgitter rappelte, so dass es im ganzen Haus zu hören war. Alle Versuche, sie zu beruhigen scheiterten, selbst die Beruhigungsspritze hatte kaum Wirkung gezeigt. Sobald einer in ihre Nähe kam, randalierte sie noch heftiger. Die Nerven der MitpatientInnen und des Personals lagen blank und man wusste sich keinen Rat. Da ich die einzige war, die auf Station entbehrlich erschien, erteilte mir meine Tante schließlich den Auftrag, ich solle mich doch zu dieser Frau setzen und irgendwie schauen ob ich sie beruhigen könne. Unwissend und ahnungslos wie ich war, bin ich dann hin und habe mich erst einmal vorsichtig an die Tür gestellt und die Frau beobachtet. Sie war so um die achtzig, hatte sich bei einem Sturz einen Schenkelhalsbruch zugezogen und war tags zuvor operiert worden. Deshalb durfte sie nicht aufstehen, hatte Bettgitter und war außerdem noch fixiert. Erst hatte es den Anschein, als würde sie mich nicht sehen. Wie von Sinnen schrie sie unentwegt „Hilfe“ – „Mama hilf mir“ – „lass mich los“ usw. Als sie mich dann anschaute, hielt sie inne – als wolle sie fragen was ich denn dort suche ( man bedenke: ich war  in ihren Augen ein Kind, hätte ihre Enkelin sein können). Vorsichtig machte ich dann einpaar Schritte auf sie zu, doch da sie sofort anfing zu schreien, blieb ich wieder stehen bis sie erneut neugierig wurde und mich fragend anschaute. Schließlich traute ich mich sogar sie anzusprechen. „Möchten Sie, dass ich das Gitter weg mache“, fragte ich sie. Dann erklärte ich ihr, dass ich sie gut verstehe und dass ich auch schreien würde, wenn man mich festbinden würde. Als ich das Gitter runter gemacht hatte setzte ich mich zu ihr und versuchte ihr zu erklären, warum sie momentan nicht aufstehen darf. Sie lag nun ganz ruhig da, sagte kein Wort und umklammerte meine Hand. Nach einer Weile kam meine Tante um nachzuschauen ob etwas passiert sei, weil es so ruhig war.

Fazit: Die natürlichsten Methoden werden, wenn überhaupt, meist zuletzt ausprobiert. Weil man keine Zeit zu haben meint, sich in Ruhe zum Patienten zu setzen und herauszufinden, was sein Problem ist, fällt regelmäßig ein vielfaches an Zeit, Kosten und Stress an.

Adelheid von Stösser
verfasst und vorgetragen  im  Mai 2003

 

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