Chemische Waffen gegen Menschen mit Demenz

Nach wie vor werden chemische Waffen gegen altersverwirrte Menschen eingesetzt.  Wirkstoffe, Neuroleptika genannt, die an bestimmten Rezeptoren im Gehirn ansetzen und die Emotionen blockieren.  Sie wurden entwickelt, um Menschen mit überschießenden, unkontrollierten und gefährlichen Reaktionen, Gewaltausbrüchen, Panik  etc. emotional herunterzufahren, so dass sie keine Gefahr mehr darstellen.  Ihre Wirkung entspricht einer emotionalen Fessel.  Der Mensch wird innerlich gelähmt. Er ist dann kaum  oder gar nicht mehr in der Lage  zu fühlen, zu wollen, zu denken, zu sprechen, zu gehen oder irgendetwas zu tun, je nach Dosierung.  Bei Überdosierung fällt der Mensch ins Koma und verstirbt.  Nicht selten steht hinter der Notfalleinweisung  Demenzkranker eine Intoxikation mit Neuroleptika in Kombination mit Dehydration (Austrocknung).  Denn ein durch diese Mittel außer Gefecht gesetzter Mensch, verspürt auch keinen Durst bzw. ist nicht in der Lage  den vor ihm stehenden Becher zum Mund zu führen um etwas zu trinken.   Eigentlich sind diese Stoffe  nur zur Behandlung psychotischer Krankheitsbilder gedacht, weshalb man sie auch Antipsychotiker nennt.   Wegen schwerwiegender und teilweise irreversibler Nebenwirkungen, sollten sie auch dort nur kurzfristig und niedrigdosiert eingesetzt werden.  Demenzkranke  dürften damit gar nicht behandelt werden! Nicht nur, weil Neuroleptika für diese Indikation nicht zugelassen sind,  sondern weil sie die Demenz und Pflegebedürftigkeit verstärkt.  Schon eine einzige Gabe kann dazu führen, dass ein bis dahin mobiler, lediglich leicht verwirrter Mensch in den Zustand eines Vollpflegebedürftigen versetzt wird, der nicht mehr stehen, laufen und sprechen kann.

Dennoch dürfte es kaum einen Demenzkranken geben, der nicht phasenweise mittels Neuroleptika zur Ruhe gebracht wurde.  In der Altersmedizin werden Melperon®, Risperidon® u.ä. ebenso bedenkenlos eingesetzt, wie  ASS (der Wirkstoff im Aspirin).  Meist reicht schon eine einzige unruhige Nacht oder Hilferufe, durch die andere gestört werden, um Pflegekräfte zu veranlassen, den Arzt zu bitten etwas zu verordnen.  Oft handelt es um Bedarfsanordnungen, wobei die Pflegekraft entscheidet wann sie das Mittel gibt.  Insbesondere nachts, wenn es keine Zeugen gibt, ist die Gefahr groß, dass unruhigen Bewohnern diese Mittel verabreicht werden, ohne dass dies dokumentiert wird. Sollte ein Arzt sich weigern oder Angehörige quer stellen,  fällt es auch nicht auf, wenn sich die Nachtwache an den Medikamenten anderer Bewohner bedient.  Oder es gibt irgendwo einen Vorrat an diesen Mitteln, aus dem „Nachlass“ von verstorbenen Bewohnern.

Im Folgenden stelle ich drei aktuelle Fälle vor, die an uns herangetragen wurden:

Fall 1:  Eine Tochter/Vorsorgebevollmächtigte klagt an

Als es dem selbst bereits hochbetagte Herr J nicht mehr möglich war, sich zu Hause um seine demenzkranke Frau zu kümmern und die berufstätigen Töchter keine Alternative sahen, entschieden sie sich für den Umzug in ein Heim.  Im Nachhinein macht sich die Vorsorgeberechtigte Tochter große Vorwürfe, zumal sie selbst Krankenschwester ist und es eigentlich hätte wissen müssen.

Am 26. Nov. 2018 schreibt sie:  …….Leider war die Betreuung im Pflegeheim über große Zeitstrecken am Tag und in der Nacht lückenhaft.  Ein „Vorfall“ brachte meine Mutter dann schließlich in die Psychiatrie (19.04.). Sie nahm einer Bewohnerin eine rote Jacke weg, weil sie dachte, es sei ihre eigene. Weil die Bewohnerin ihre Jacke verteidigte, verpasste meine Mutter ihr eine Ohrfeige. Dieser Vorfall passierte wegen fehlender  Intervention. Vermutlich war keine  Pflegekraft im Dienst, die wusste wie man mit Demenzkranken in so einer Situation richtig umgeht.  Ich habe nie eine klare Auskunft über die Vorfälle erhalten.

In der Psychiatrie wurde meine Mutter mit den folgenden  Mitteln medikamentös „eingestellt“: Quetiapin, Melperon, Risperidon, Citalopram.  Die Ärzte entschieden darüber, ohne  Rücksprache mit mir, als Vorsorgebevollmächtigter.  Weder wurde ich über die Wirkung noch Nebenwirkungen aufgeklärt.  Ich  wurde  vor die Wahl gestellt, den Medikamenten oder einer Fixierung zuzustimmen, andernfalls müsse ich meine Mutter aus dem Krankenhaus abholen. Die Medikation hatte zur Folge, dass meine Mutter bereits am nächsten Tag nicht mehr laufen konnte. Sie bekam eine Lungenentzündung, an der sie fast verstarb. Sie erholte sich langsam wieder und wurde am 14.07. in ein anderes Pflegeheim entlassen, was im Nachhinein ein Fehler meinerseits war. Ich dachte, das Pflegeheim sei besser. Bereits 2 Tage später wurde meine Mutter wieder in eine andere Psychiatrie (anderer Landkreis) verlegt. Sie war völlig orientierungslos und verängstigt. Außerdem war sie isoliert worden wegen eines Darmkeims. Sie verstarb qualvoll nach einer erneuten Verlegung zu den Internisten.

Telefonisch berichtete die Tochter:  Ihren  Vater hatte dieses alles so mitgenommen, dass er kurze Zeit später ebenfalls geistig und körperlich abbaute. Auch er konnte seinen Frust angesichts  der Lebensumstände in dem Heim irgendwann nur noch durch Schreien ausdrücken. Erneut sah sich die Tochter  unter Druck gesetzt der Verabreichung von Neuroleptika zuzustimmen. Es sei grauenhaft gewesen, mit anzusehen, wie sich dieser früher so stolze und selbstbewusste Mann in ein Frack verwandelte, berichtete sie.    Da die Mittel nicht dazu führten, dass sein  Schreien aufhörte, bestand die Vorsorgebevollmächtigte schließlich darauf, dass sie abgesetzt wurden.  Mit Hilfe einer von mir vermittelten Homöopathin gelang es schließlich ihn zu stabilisieren.     In seinen letzten Lebenswochen habe er entspannt  dagelegen und auf die Besuche seiner Töchter  so reagiert, dass beide das Gefühl hatten, er kenne sie und freue sich.  Sprechen konnte er nicht mehr.
Am liebsten würde die Tochter alle Verantwortlichen anzeigen. Vor allem die Ärzte in der Psychiatrie.

Fall 2:  Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Psychiater und Pflegeheim

Es geht um eine ebenfalls recht rüstige, mittelgradig demenzkranke Frau, die den Anweisungen einer  unerfahrenen  Pflegerin nicht Folge leisten wollte und diese eines Abends laut schimpfend mit dem Rollator bedroht habe.  Da die Pflegerin, eine Aushilfskraft, die Bewohnerin nicht zu beruhigen wusste, rief sie die Feuerwehr. Diese sah sich nicht zuständig und verwies auf den Rettungsdienst. Der verständigte den Psychologischen Notdienst und dieser veranlasste, ohne sich nach den möglichen Ursachen zu erkundigen,  die Zwangseinweisung der alten Dame auf die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie.  Erst am nächsten Tag wurde ihr Betreuer informiert, obwohl im Heim bekannt und in den Unterlagen vermerkt, dass er Tag und Nacht angerufen werden kann und sofort zur Stelle ist, weil ein vertrautes  Verhältnis  zwischen den beiden besteht.  Der Betreuer fährt umgehend in die Klinik und findet die Frau in einem kaum ansprechbaren Zustand, medikamentös ruhiggestellt und fixiert.  Er spricht mit dem Oberarzt und will wissen, was seiner Betreuten  gegeben wurde und warum er als rechtlicher Vertreter nicht gefragt wird.  Doch dieser Arzt denkt gar nicht daran, sich auf das Niveau eines medizinischen Laien herabzulassen und den Betreuer über Risiken, Nebenwirkungen oder Alternativen aufzuklären.  Er sieht sich und seine Abteilung im Recht, was die Entscheidung über die Therapie bei Notfallpatienten betrifft.  Wenige Tage später verstirbt die Frau in der Klinik.  Es ist dem Betreuer nicht gelungen, sich gegen die Macht der Ärzte durchzusetzen und sie vor dem Tod durch diese Behandlung zu bewahren.   Auch die zuständige Amtsrichterin zeigte sich entsetzt über diesen Vorgang und bestärkte den Betreuer  Strafanzeige zu erstatten.  Der Staatsanwalt veranlasste eine gerichtsmedizinische Untersuchung, das Ergebnis steht noch aus.

Fall 3:  Oberstaatsanwalt ermittelt wegen Verdacht auf schwere Körperverletzung durch Neuroleptika

Am ersten Advent d.J. erstattet die Tochter eines Heimbewohners  Anzeige, weil ihr Vater dort binnen weniger Tage so ruhig gestellt worden war, dass alle dachten, er stirbt.  Polizist und Staatsanwalt haben die Sache ernst genommen und eine Blutprobe zur gerichtsmedizinischen Untersuchung veranlasst. Konfrontiert mit der Strafanzeige, wurden die Medikamente (deren Gabe bestritten wird) vermutlich abgesetzt, mit dem Ergebnis, dass sich der Mann  zusehends wieder erholt hat. Sehr zum Ärger des Sohnes, der als Vorsorgeberechtigter in erster Linie daran interessiert sei, möglichst rasch ans Erbe des Vaters zu kommen.  Die Heimleiterin, Caritas Heim in RLP, verhängte daraufhin ein Hausverbot gegenüber der Tochter. Einen ähnlichen Vorfall hat es Anfang des Jahres schon einmal gegeben. Schon damals habe der Vorsorgebevollmächtigte den Vater sterben lassen wollen. Die Tochter setzte jedoch seine Notfalleinweisung ins Krankenhaus durch.  Diagnose: Intoxikation mit Neuroleptika und Dehydrierung. Sollten sich die vermuteten Neuroleptika im Blut nachweisen lassen, will der Staatsanwalt eine umfassende Ermittlung vornehmen, auch in anderen Heimen, die mit dem Arzt zusammenarbeiten.
Nachtrag: Die Erfolgsaussichten stehen gut, zumal das  Ergebnis der rechtsmedizinischen Untersuchung inzwischen vorliegt und die vermuteten Neuroleptika im Blut nachgewiesen wurden.

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Auf die tödlichen Gefahren von Neuroleptika wird seit vielen Jahren hingewiesen.

Einige Links zu entsprechenden Veröffentlichungen  finden Sie im Beitrag: Chemische Gewalt in der Pflege

Eine in 2018 veröffentliche Untersuchung zeigt außerdem:  Neuroleptika lösen das Gehirn auf.  

Über Jahrzehnte war Haloperidol das Standardberuhigungsmittel für verwirrte, alte Menschen.   Seit  2012  erneut eine Studie vor der tödlichen Gefahr dieses „Nervengiftes“ warnte,  gilt es als Off Label Use.  Lebensgefahr durch Haloperidol

Heute werden  Demenzkranke  in den Heimen überwiegend mit Melperon,  Dipiperon und Risperidon ruhiggestellt.   In der Gerontopsychiatrie wird zusätzlich mit  Quentiapin (Seroquel) und Zyprexa  sowie anderen Psychopharmaka experimentiert, oft in Kombination.  Ziel der psychiatrischen Behandlung ist es, den Patienten medikamentös so einzustellen, dass  störende Verhaltensweisen verschwinden, er sich ohne Widerstand (aggressives Verhalten) führen und pflegerisch handhaben lässt und nachts schläft.   Häufig kommen 5 und mehr Psychopharmaka zum Einsatz.  Im Ergebnis erleben wir, dass  verwirrte, alte Menschen in einem körperlich mobilen Zustand in diese Kliniken kommen, sie können selbstständig essen und trinken, können  sprechen und v.a.m.  Nach drei bis sechs Wochen Behandlung mit Mixturen dieser  Mittel, geht fast nichts mehr.  Bei der Entlassung sind die Menschen   gebrochen an Körper, Seele und Geist, sie können kaum noch ein verständliches Wort von sich geben, können sich nicht mehr selbst waschen, an- oder ausziehen.  Zusammengekauert sitzen sie da. Antriebslos, teilnahmslos – innerlich weggetreten.  Das ist einfach nur grausam. Hier wird Menschen himmelschreiendes zugefügt, ohne dass sich jemand dafür verantworten muss.  Ärzte dürfen das, sie müssen negative Behandlungsergebnisse nicht rechtfertigen. Die Kosten dieser teuren Facharztbehandlung  übernimmt die Krankenkasse.

Dieser Praxis muss Einhalt geboten werden! Neuroleptika gehören in den Giftschrank!!!

 


Die Pflegeethik Initiative hat eine Rechtsoffensive für Pflegebetroffene gestartet. Wir wollen und dürfen nicht hinnehmen, dass Menschen mit Demenz ruhiggestellt werden, weil eine menschliche Begleitung zu teuer erscheint.  Wenn Sie das auch so sehen, sind Sie herzlich eingeladen, sich gemeinsam mit uns für menschenwürdige Pflege einzusetzen.

Machen Sie mit.  Engagieren Sie sich hier:  https://pflegeethik.zusammenhandeln.org/

3 Kommentare

  1. Das darf doch alles nicht wahr sein! Bin selbst mit Neuroleptika und Antidepressiva eingestellt, ohne geht nicht mehr. Aber es hat bei mir mit ca. 25 Jahren angefangen, jetzt bin ich 56 J. Ich bin sehr niedrig dosiert und habe mich lange und intensiv damit auseinandergesetzt, weil.es mir noch möglich ist. Aber das was da mit den alten Leutchen gemacht wird, ist eine einzige schreckliche Entmündigung, das gibt es in Deutschland offiziell gar nicht mehr. Kann man dagegen denn gar nichts unternehmen? Bin geschockt,es geht doch nur um Ruhigstellen und die Bequemlichkeit des Personals.

  2. Dieser Bericht spricht ja mehrere Aspekte an.. vorab.. ich bin Fachkrankenschwester für Psychiatrie und arbeite seit 30 Jahren psychiatrisch.Die Situation in den meisten Pflegeheimen ist wirklich furchtbar- aber was erwartet die Gesellschaft denn? Wenn 1 Pflegekraft nachts für über 50 Bewohner , oft noch über mehrere Etagen verteilt zuständig ist??? Und so viele unruhige Demenzkranke versorgen soll? Menschen die unruhig sind,desorientiert und auch sturz gefährdet!- In der Psychiatrie , ich gebe Ihnen Recht- da gehören diese Menschen nicht hin-ist die Personaldecke etwas besser.Aber auch hier ist eine 1/ 1 Betreuung nicht möglich! Demente sind besonders nachts sehr unruhig- sie laufen in andere Zimmer, wecken Mitpatienten- lösen Konflikte aus.. Zur Behandlung mit Psychopharmaka.. ich stimme Ihnen zu das die Behandlung mit mehr als 2 Wirkstoffen Unsinn ist! Aber ich habe nie erleben müssen das die Patienten dann wie halb tot sediert waren! Generell Psychopharmaka zu verteufeln finde ich indiskutabel! Ich selbst nehme seit 15 Jahren Antidepressiva,und auch ein atypisches Neuroleptika.. Habe viele Patientengruppen geleitet zum Thema Psychopharmaka- viele Betroffene erleben die Medikamente als große Hilfe , trotz Nebenwirkungen! WENN sie von guten Fachärzten behandelt werden! Es steht und fällt ALLES mit gut und ausreichendem ausgebildetem Fachpersonal. Aber solange Fachkräfte in diesen Bereich so unglaublich schlecht bezahlt werden ist wohl keine Besserung in Sicht. Beschwerden gibt es- nur an den den Stellen wo sie nicht effektiv sind!Die Betroffen- Patienten wie Mitarbeiter haben keine Lobby! Und die Politik ist diesbezüglich lachhaft!Ich selbst bin an diesen Bedingungen krank geworden- werde wohl in die erwerbsunfähigkeits Rente müssen- und das als Pflegekraft die ihren Beruf viele viele Jahre geliebt hat..

  3. Bei den 3 beschriebenen Fällen sehe ich vor allen Dingen im zweiten viel Lösungs-Potenzial. Man hätte nur den Betreuer anrufen müssen und alles wäre gut gewesen, aber weder die Aushilfe, noch die Psychiatrie hat dieses getan. Das hat dann für mich auch nichts mehr damit zu tun ob das Personal gut oder schlecht ist. So etwas gehört einfach bestraft und reguliert, dann kann man zumindestens solche Fälle verhindern.
    Ansonsten kann ich Jasmin nur zustimmen wenn Sie sagt „Beschwerden gibt es- nur an den Stellen wo sie nicht effektiv sind“ und das trifft auf viele Bereiche zu, nicht nur auf diesen.

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