Abgestempelt als dement

Im Beitrag Fatale Diagnose: Abgestempelt als dement, greift  Frontal 21  am 10.Oktober  eine Kritik am System „Gesundheitswesen“ auf,  die der Pflege-Selbsthilfeverband mit demenzrisiko.de,  zu einem Schwerpunktthema erklärt hat. Den Ausschlag zu dieser Themenseite  gaben Fälle,  in denen älteren Menschen eine Demenz-Diagnose angehängt  wurde, für die es weder eine Untersuchung noch sonst eine Rechtfertigung gab.   Das Fass zum überlaufen brachte 2016 ein Fall aus Pfaffenhofen, in dem eine vom Betreuungsgericht beauftragte Neurologin einem alten Ehepaar, nach einem 20 minütigen Besuch eine Alzheimer-Demenz bescheinigt hatte. Der 21 jährige Enkel, der bei dieser Begutachtung neben seiner Oma auf dem Sofa saß, schilderte den Verlauf, wie die Frau (Ärztin) dem Opa und der Oma eine Uhr auf ein  Blatt gemalt hat und  sogar die Zeiger selbst eingezeichnet habe. Außerdem hätte sie einige Handbewegungen vorgemacht, die die Großeltern problemlos nachgemacht hätten, wobei sich jedoch alle fragten, was das soll.  Ich selbst konnte mich Wochen später überzeugen, dass besagte „Oma“ bis auf die Minute genau die Uhrzeit ablesen konnte. Fließend liest sie mir das Programm der Fernsehzeitung vor und erzählt, welche Sendungen sie gerne sieht und was sie weniger interessiert.  Das  Ziel des ärztlichen Gutachtens war hier ganz offensichtlich, dem Gericht einen Grund für die Bestellung einer Betreuung zu liefern.  Was dann passierte können Sie hier nachlesen.

Andreas Halbach recherchierte für die  Frontal21 -Sendung weitere Hintergründe für die immer häufiger anzutreffende Praxis, alten Menschen/Patienten oft ohne deren Wissen und ohne Untersuchung eine Demenz-Diagnose  anzuhängen.

Hauptursache ist in der Tat eine Politik, die durch neue Gesetze falsche Anreize für Ärzte, Krankenkassen, Heimbetreiber und Pharmaindustrie schuf. Beispielsweise die Regelung des Risikostrukturausgleich, wonach gesetzliche Krankenkassen für  jeden Versicherten mit einer bestimmten Diagnose zusätzliche Gelder erhalten.  Die Kasse verdient beispielsweise an jedem Versichteren mit der Diagnose Demenz  95 Euro im Monat, umgerechnet auf alle Versicherten mit dieser Diagnose  rd. 2 Milliarden Euro im Jahr.

Ein  insgesamt sehr gut recherchierter und gemachter Beitrag,  der außerdem für unsere Kritik am Zweite Pflegestärkungsgesetz und den neuen Begutachtungskriterien, einen ersten Betroffenen Fall liefert.  Bemerkenswerter Weise wieder aus Rheinland-Pfalz, dem Musterland der Pflege.  An dieser Stelle sei  darauf verwiesen,  dass der Pflege-Selbsthilfeverband, namentlich die Vorsitzende, Adelheid von Stösser, bisher leider die einzige Expertin ist, die vor genau dieser  Gefahr durch das PSG II mit dem neue Pflegebegutachtungsverfahren gewarnt hat.  Mehrheitlich  wurde/wird dieses Gesetz nicht nur von den führenden Politikern begrüßt, sondern  auch von allen tonangebenden Verbänden und Funktionsträgern im Bereich Pflege.

Typisch auch der letzte Fall im Filmbeitrag: Die Betroffene kann von Glück sprechen, dass sie noch jung und fit genug war, um sich aus diesem Teufelskreis befreien zu können. Wird ein über 80jähriger mit der Fehldiagnose Alzheimer  unter Fremdbetreuung gestellt, wird er mit diesem Stigma leben müssen und begraben werden.

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